Innenansichten - unsere neue serie zur emotionalen gesundheit

Ob in Talkshows, im Online-Blog oder in der Tageszeitung:
„Emotionale Gesundheit“ ist in der Öffentlichkeit präsenter und aktueller denn je. Auch wir wollen diesem Thema eine Bühne geben. In unserer neuen Serie „Innenansichten“ beleuchten wir künftig verschiedene Aspekte rund um das seelische Wohlbefinden und was wir selber dafür tun können. Wir sprechen mit Expert*innen und geben wertvolle Tipps und Anregungen.

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Andreas, erkläre doch bitte einmal, was die Abkürzung PSNV-E bedeutet?
Anfang der 90er Jahre, nach der Gründung von KIT-München (Kriseninterventionsteam), wurde mir klar, dass es auch für Einsatzkräfte eine Struktur zur Bewältigung von individuell als außergewöhnlich belastend wahrgenommenen Einsätzen braucht. Ich erinnere mich noch gut:
Ich war 1996 auf einer Feuerwache der Münchner Berufsfeuerwehr und hielt eine Infoveranstaltung über die Arbeit von KIT. Schließlich meldete sich ein älterer Kollege: „U-Bahnfahrer und Hinterbliebene werden betreut – und wir, die danach aufräumen:
Wer unterstützt uns?“
Das war eine klare Ansage und sie hat mir sehr zu denken gegeben. Jetzt aber zu deiner Frage:
PSNV-E bedeutet Psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte. Es gibt auch noch die PSNV-B. Das „B“ steht für „Betroffene“ (oder auch für Bürger oder Bevölkerung). Dabei geht es um das, was Krisenintervention und Notfallseelsorge machen, also die Betreuung und erste psychische Stabilisierung von Angehörigen, Überlebenden, Vermissenden und Hinterbliebenen.

Und was ist ein „Peer“?
Peer ist Englisch. Es bedeutet „die/der Gleiche“, oder auch „gleichartig“, „gleichrangig“. Der Begriff lässt sich schlecht ins Deutsche übersetzen. Man könnte vielleicht „kollegialer Ansprechpartner“ sagen. Die Formulierung Peer hat sich im deutschen Sprachraum etabliert. Der Begriff findet auch in der Soziologie, Psychologie bzw. der Sozialarbeit Anwendung. Eingeführt wurde das Peer-Konzept in die Gefahrenabwehr in den 80er Jahren von Jeffrey Mitchell, dessen Bruder beim Fire Department New-York (FDNY) in der Akademie tätig war. In den 90er Jahren war ich öfter in den USA und habe bei ihm eine Ausbildung gemacht.

Wann kam das Konzept nach Deutschland?
Der erste Peer-Kurs fand in Deutschland 1994 für Angehörige von bayerischen freiwilligen Feuerwehren statt. Nach und nach hat sich dieses Konzept– teilweise auch gegen Widerstände – immer mehr im gesamten Bereich der Gefahrenabwehr etabliert.

Wer kann denn eigentlich Peer werden?
Das Wichtigste: Jede Einsatzkraft, die eine hohe Akzeptanz bei den Kolleg*innen genießt. Es muss jemand sein, der sich für andere Menschen bzw. seine Kolleg*innen interessiert. Das ist wie beim Fußball oder Tennis. Durch Training allein wird hier niemand zur Spitze vordringen. Es gibt aber immer einige Menschen, deren Talent gepaart mit einer guten Ausbildung, dazu führt, dass sie diese Arbeit hochwirksam und fachlich verantwortet gut können. Es gilt, diese besonders geeigneten Einsatzkräfte zu erkennen, sie für diese Arbeit zu interessieren und zu begeistern und schließlich sie zu qualifizieren, damit sie im Auftrag ihres Dienstgebers für ihre Kolleg*innen zum Einsatz kommen. Die PSNV-E kann nur dann wirksam sein, wenn sie so nahe wie möglich an den Bedürfnissen der Betroffenen dran ist.

Und wie wird man Peer?
Der schlechteste Weg ist, dass jemand ohne Auftrag, aus dem Bauch heraus in seiner Freizeit sich das selber beibringt. Der Dienstherr muss einen klaren Rahmen und eine Struktur schaffen, innerhalb derer ein Peer sich in die PSNV-E verantwortet einbringt und sie gestaltet.

Wie sieht denn die Ausbildung aus?
So lange wie nötig und so kurz wie möglich! Ich setzte seit vielen Jahren das SbE-Konzept (www.sbe-ev.de) um. Dabei geht es um eine deutsche Weiterentwicklung der US-amerikanischen Vorlage. SbE hat sich in Deutschland weitgehend etabliert. Von der Bergwacht bis zum Havariekommando, von der Freiwilligen Feuerwehr bis zur GSG9 wird heute SbE gelebt und umgesetzt. Konkret werden fünf Bausteine zu je zwei Tagen bzw. 18 UEs geschult.

Und dann können die Kolleg*innen loslegen?
So einfach ist das leider nicht. Denn ein Peer-System kann nur funktionieren, wenn es regelmäßige Treffen mit Austausch und Fortbildungen gibt. Jeder Peer benötigt außerdem verbindliche Supervision. Es muss vorher eine Auswahl geben, ob und inwiefern die Interessenten tatsächlich geeignet sind. Erst dann geht’s in die Ausbildung. Außerdem funktioniert kein Peer-System ohne eine klare und leicht erreichbare organisatorische und fachliche Leitung. Die organisatorische Leitung kann bei einem erfahrenen Peer liegen. Die fachliche Leitung muss bei einem Sozialpädagogen, Psychologen und/oder Seelsorger liegen.

Feuerwehr und Supervision – stoßen da nicht zwei unbekannte Welten aufeinander?
Ja leider! Das Thema Supervision für Einsatzkräfte hat noch sicher Luft nach oben. Da gab und gibt es ja bereits Strukturen im Rettungsdienst und bei manchen Leitstellen. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass dieses Angebot viel Last von den Schultern Einzelner nehmen kann, quer durch alle hierarchischen Ebenen.

Inwiefern ist PSNV-E eine Aufgabe für Führungskräfte?
Führungskräfte (FK) haben die Aufgabe, sich um die Personalfürsorge zu kümmern. Eine FK, die den Wert und die Bedeutung eines Peersystems erkannt und akzeptiert hat, wird das System unterstützen. Leider kennen sich FK mit dieser Thematik nicht immer in der wünschenswerten Weise aus. Studien zeigen, dass Führungskräfte in
besonderer Weise durch ihre Arbeit belastet sein können, denn Einsatzleitung kann sehr einsam machen. Darum braucht es in jeder Hierarchieebene eigene Peer-Strukturen. Jeder, egal ob Oberfeuerwehrmann oder Oberbranddirektor, kann von einem Ansprechpartner mit „Stallgeruch“ profitieren.

Wer ist denn verantwortlich für eine qualifizierte PSNV-E?
Letztlich der Dienstherr! Also der, von dem ihr euren Helm und die Stahlkappen in den Stiefeln bekommt. Auch die beste Schnittschutzhose schützt leider nicht vor einer psychischen Traumatisierung. Das wertvollste und teuerste bei den Feuerwehren sind nicht die roten Autos, sondern die Menschen, die die Technik bedienen.

Gibt es Alternativen zum Peer-Konzept?
Bei der Polizei sind zum Beispiel Psychologen und Sozialpädagogen tätig, außerdem viel mehr Seelsorger. Es gibt grundsätzlich zwei Ansätze: Studierte psychosoziale Fachkräfte bieten sich als Gesprächspartner an, wie du das richtig aus manchen Polizeien beschreibst. Oder der Dienstherr schafft ein Peer-System. Das erspart ihm zwar nicht die psychosoziale Fachkraft, erhöht aber erheblich die Wirksamkeit und die Akzeptanz des Systems.

Wo und wann kommt ein Peer zum Einsatz?
Um dir diese Frage zu beantworten, muss ich darauf hinweisen, dass der Peer nicht erst zum Einsatz kommt, wenn Kolleg *innen belastet sind. Eine Peerstruktur hat vor der Stabilisierung und Begleitung von belasteten Einsatzkräften Hausaufgaben zu machen. Denn ein Peer wird in der Prävention eingesetzt. Und die beginnt nicht erst, wenn die Belastung eingetreten ist, sondern ganz klar schon vorher. Das wird als „primäre Prävention“ bezeichnet und umfasst zum Beispiel Unterrichte von Anwärter*innen bis hin zu regelmäßigen Fortbildungen auf allen Ebenen, besonders aber in den Wachabteilungen. Die sekundäre Prävention umfasst die Einsatzbegleitung, vor allem aber stabilisierende und entlastende Gespräche mit einzelnen Einsatzkräften und natürlich die Gruppenmaßnahmen. Bei den Gruppenmaßnahmen wird die Kurzbesprechung am häufigsten umgesetzt und erweist sich als sehr praktikabel, relativ leicht umsetzbar und wirksam. Außerdem muss sich jemand mit der sogenannten „tertiären Prävention“ beschäftigen. Das ist in vielen Systemen der Peer, der die operative Leitung hat. Dabei geht es um die Vernetzung zur psychosozialen Regelversorgung. Wenn sich zum Beispiel eine Einsatzkraft an einen Peer wendet, weil sich seine 14-jährige Tochter ritzt, dann sagt der Peer nicht, dass er nicht zuständig ist. Tatsächlich kennt er sich da aber nicht aus. Trotzdem ist es wichtig, dem ratsuchenden Kolleg*innen einen guten, qualifizierten Hinweis zu geben, wo er sich mit seiner Fragestellung hinwenden kann. Besonders in den Fällen, in denen eine Einsatzkraft eine psychische Traumatisierung erlitten hat, die zu einer Traumafolgestörung, also einer mentalen Erkrankung geführt hat, ist die Vernetzung
in die ambulante oder stationäre Therapie von entscheidender Bedeutung. In diesen Fällen macht es Sinn, dass sich der Peer eng mit seiner psychosozialen Fachkraft abstimmt.

Wie sieht die konkrete tägliche Arbeit eines Peers aus?
Es läuft selten so, dass ein belasteter Kolleg*innen einen Peer anspricht und ihn um ein Gespräch bittet. Das gibt es schon auch. Viel häufiger aberfinden die Gespräche sozusagen „beiläufig“ statt. Beim Auffüllen von Ölbinder, im Fernsehraum, bei der Rückfahrt vom Einsatz kommt es zu genau den Gesprächen, manchmal vielleicht nur Andeutungen, bei denen ein Peer hellhörig werden sollte und mit seiner fachlichen Kompetenz reagieren müsste. Das heißt, er signalisiert den Betroffenen Interesse, Verständnis und Gesprächsbereitschaft.

Wie ist das mit dem „Bauchgefühl“ oder etwas fachlicher formuliert mit der Intuition?
Intuition ist wichtig und unersetzlich, um zur richtigen Zeit die richtige Maßnahme durchzuführen. Aber genau das setzt psycho-traumatologisches Fachwissen und Methodenwissen voraus. Also die Intuition, das Bauchgefühl, darf nicht gegen das Fachwissen und die Strukturen mit ihren Regeln, in denen man tätig ist, ausgespielt werden.

Gibt es Standards?
Klar, es gibt Standards in der Ausbildung. Und es gibt Standards in der Umsetzung, also in der konkreten Arbeit – wie bei allem in der Gefahrenabwehr. Das ist gut, richtig und wichtig und bewährt sich. Hier gibt es keinen Unterschied zu anderen standardisierten Verfahren. So wie wir nach Leitlinien reanimieren oder eine undichte Gasleitung beherrschen können, so agieren wir auch, wenn es um die psychische Gesundheit von uns und unseren Kollegen geht. 

Was braucht ein Peer für seine Arbeit?
Er braucht eine klare und verlässliche Struktur, die ihn stützt und ihm ermöglicht, diese wertvolle Tätigkeit leisten zu können. Hierzu gehören eine niederschwellige Anbindung an eine psychosoziale Fachkraft, außerdem Supervision, regelmäßige Fortbildungen sowie ein funktionierendes Netzwerk. Der Peer hat eine wichtige Bedeutung, wenn es darum geht, eine Brücke zu einer Anlaufstelle herzustellen, die für die Einsatzkraft in ihrer Situation hilfreich ist.

Du bist heute Seelsorger und Psychologe und hast früher als Rettungsassistent gearbeitet, warst früher auch in der Luftrettung und der Rettungsleitstelle tätig. Wie gut muss sich eine psychosoziale Fachkraft in dem Arbeitsfeld auskennen, in dem sie für die Peers Ansprechpartner ist?
Da gehen die Meinungen auch bei den psychosozialen Fachkräften, die in Peer-Systemen mitwirken und ja auch wesentlicher Bestandteil der Qualität eines Peer-Systems sind, auseinander. Wie du richtig sagst: Ich war früher als Einsatzkraft tätig und fahre bis heute hin und wieder noch RTW. Ich möchte eine Vorstellung davon haben, was die Einsatzkräfte meines Peer-Systems tun, wie ihre Arbeit aussieht und in welchen Rahmenbedingungen sie unterwegs sind. Anders gesagt: Ich möchte in etwa wissen und verstehen, was ihnen Freude und Hoffnung, aber auch Ängste und Sorgen macht. Damit erhebe ich ja nicht den Anspruch, selbst zum Beispiel Feuerwehreinsatzkraft zu sein. Wenn ein Psychologe oder Seelsorger den Unterschied zwischen einer Bahre und Trage nicht kennt, wird er auch bei seinen Peers kaum akzeptiert werden können. Andererseits bitte ich die Peers um Geduld und Nachsicht mit mir und uns psychosozialen Fachkräften, wenn ich die Abläufe gerade bei belastenden Einsätzen nicht im Einzelnen kenne. Hier bleibe ich als psychosoziale Fachkraft immer ein Lernender.

Andreas, du sprichst immer wieder von Wirksamkeit eines Peer-Systems. Teilst du die Erfahrung, dass es eine Wirksamkeit auf einer anderen Ebene gibt? Wenn ich richtig sehe, verändert ein Peer-System die Kultur in der Feuerwehr
Ja, unbedingt. Ein Peer-System ist sozusagen subversiv. Denn Einsatzkräfte machten sich früher über psychosoziale Themen eher lustig. Sie hatten davon zunächst nur wenig Ahnung – und woher sollten sie die auch haben? Das ändert sich, wenn in der eigenen Wachabteilung, zumindest auf der eigenen Wache, ein Peer tätig ist. Man merkt:
Das ist ein Kolleg*in wie ich. Aber der kann, wenn’s dran ist, was machen, wo alle anderen sonst eher hilflos sind. Ich mache intensiv die Erfahrung, dass über die Jahre die Kultur des Umgangs miteinander auf der Wachabteilung sich tatsächlich durch den Peer und das Peer-System zum Positiven verändert. Die Einsatzkräfte sehen, dass der Umgang mit psychischen Belastungen erlernbar und trainierbar ist. Die Frage ist ja nicht, ob etwas Belastendes passiert, sondern wann und wo. Und wenn’s passiert, dann geht die Welt nicht unter, sondern man kann was dagegen tun. Das ist eine wichtige Erfahrung!

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